China heute: vom Umbruch zur Digitalen Revolution

China heute: vom Umbruch zur Digitalen Revolution

Artikel

Transformation

Die Umbruchstimmung in China ist zweifelsohne bemerkenswert. Noch eindrucksvoller ist jedoch das Anpassungsvermögen des chinesischen Volkes an den digitalen Wandel und seine Bereitschaft, Veränderungen anzunehmen. Und doch relativ verhalten erscheinen die zahlreichen technologischen Neuerungen, mit dem das Land aufwartet – allerdings lediglich im Vergleich zum krassen disruptiven Aufschwung der chinesischen Gesellschaft: Veränderung ist in China zur Norm geworden. Darin liegt einer der Hauptunterschiede zum Westen: Während hier das Leben relativ einfach und komfortabel bleibt - mit wenigen „großen“ Problemen, die gelöst werden müssen, fungiert China als Goldgrube für Entrepreneure, die große Lifestyle-Lösungen für eine Vielzahl von Problemen anbieten. Und dies ist die eigentliche Erfolgsgeschichte Chinas - ein Land, das hungrig ist nach Fortschritt und Aufschwung.

Vom Aufruhr zur Lifestyle-Besessenheit

Nach einem brutalen Bürgerkrieg und der Übernahme der Kommunistischen Partei Chinas war das Land lange Jahre geprägt von Mangel, Betrug und Korruption. Erst als in den 80er Jahren die Reform- und Öffnungspolitik durchgesetzt wurde, zeichneten sich die ersten Züge des modernen Chinas ab, und von dort an ging es bergauf für das Land. Die Anfang des 21. Jahrhunderts steigende Verfügbarkeit des Internets barg jedoch eine Gefahr für die Regierung, denn politisch prekäre Gegebenheiten wurden auf einmal öffentlich. Genau hier begann die sukzessive Abschottung des Landes durch die staatlichen Behörden: Diese gilt als wesentlicher Faktor für den heutigen Erfolg von heimischen Technologie-Riesen. Chinas Technologieökonomie floriert in beispielloser und teils fast konkurrenzloser Manier, von Beginn an abgestimmt auf die kulturellen Besonderheiten und die Aufbruchstimmung im Land.

Das Anpassungsvermögen des chinesischen Volkes an den digitalen Wandel ist beeindruckend. 

Lediglich den letzten wenigen Jahren bildete sich eine Kultur umkämpften Wettbewerbs, individueller Freiheit und Lifestyle-Besessenheit. Nach Jahrzehnten der Unsicherheit haben chinesische Konsumenten mehr denn je den Wunsch nach einem modernen Lebensstil mit sozialer Absicherung, mehr Autonomie und einer Aufwertung ihrer Lebensqualität – die sich mittlerweile auch viele Chinesen leisten können.

Von der Abschottung zum Digitalen Vorreiter

In Anbetracht der jüngsten Geschichte des Landes hat sich China schneller entwickelt als jedes andere Land. Eine unglaubliche Dynamik scheint die Chinesen auf die digitale Überholspur zu bringen. In keinem anderen Land werden Live Streaming, mobile Bezahlmethoden, QR-Codes und die Sharing Economy so stark akzeptiert wie hier. Mit hohem Tempo entstehen neue Entwicklungen, und die innovations-hungrige, gebildetere Schicht scheint keine Scheu zu kennen – im Gegenteil: Das Selbstbewusstsein ist beispiellos.

In keinem anderen Land werden Live Streaming, mobile Bezahlmethoden, QR-Codes und die Sharing Economy so stark akzeptiert wie in China.

In den späten 2000ern stellten sich Chinabeobachter die (berechtigte) Frage: Ist China innovativ oder nicht? Viele der Internetprodukte und Services waren nicht mehr als eine lokale Version beliebter westlicher Angebote. Heute, im Jahr 2017, existiert diese Debatte nicht mehr. Chinesische Unternehmen kultivieren die Ausrichtung ihrer Produkte an den Konsumenten mit unerwartetem Erfolg: WeChat ist längst nicht mehr das „Facebook von China“. Es ist zu einem eigenen, zuverlässige und kreditwürdigem Online-to-Offline Ökosystem geworden, das Inhalte, Messaging, Bezahlmethoden und QR Codes umfasst. In einem Land, das die PC-Revolution erst sehr spät erlebte, sind Smartphones zum Hauptfaktor für die Teilhabe an einer Welt geworden, in der die Grenze zwischen Online und Offline immer stärker schwindet – beeindruckend die rasante Verbreitung von Smartphones und mobiler Datennetze. Zwar herrschen offensichtlich Bedenken im Hinblick auf Privatsphäre und Sicherheit, Letzteres jedoch erscheint trivial für ein Land, das erst vor Kurzem „individuelle Rechte“ für sich entdecken durfte.
Zu einem wesentlichen Bestandteil des chinesischen Lifestyles geworden, erstreckt sich die Smartphone-Nutzung auf sämtliche Lebensbereiche der Chinesen: Vom mobilen Shopping, der Buchung von Dienstleistungen und Weiterbildung, Informationsbeschaffung bis hin zu Unterhaltungszwecken und dem Social Networking. Und während der Westen sich etwas behäbig vom klassischen Desktop Richtung „Mobile First“ manövriert, fällt dieser Zwischenstopp in China einfach weg: Mittlerweile surfen über 90% der Chinesen mobil.

Hungrig nach Komfort und Vernetzung

Der Erfolg von großen Internetunternehmen resultiert heute oftmals aus dem geschickten Einsatz kultureller Verbraucher-Trends, kleineren Optimierungen an Bedieneroberflächen sowie verlockenden Incentives, die den Nutzer an attraktive Angebot binden. In China traf der Mangel an Komfort auf eine dankbare Zielgruppe, zudem führte der Anstieg an Wohlstand und Kaufkraft jüngst zu einem überdurchschnittlich hohem Wachstum im E-Commerce und in Online-to-Offline Diensten. Besonders deutlich wird das an der Erfolgsstory des chinesischen Apple-Konkurrenten Xiaomi, einem populären Beispiel aus der Reihe chinesischer Technologie-Giganten.
Bis kürzlich galt die Volksrepublik China als armes Land. Selbst heute ist es in der älteren Generation durchaus noch Usus, über die Preisunterschiede in Supermärkten zu lamentieren. Auch wenn China noch längst nicht vollständig als technologie-liebendes Land bezeichnet werden kann, beobachtet man einen unglaublichen Drang, Lösungen schnell auf den Weg zu bringen. Effizienz, Erschwinglichkeit, Bedienkomfort und gute soziale Vernetzung gelten im Königreich der Mitte als unverzichtbare Werte des neuen Zeitalters.
Die Träume eines typischen chinesischen Arbeitnehmers unterscheiden sich kaum von denen anderer Arbeitnehmer: dem Alltagsstress entkommen und sich die kostbare weil knappe Freizeit versüßen – und hier spielt das Smartphone eine entscheidende Rolle: Es werden Online-Multiplayer-Games gespielt, WeChat-Gruppen mit einer Vielzahl an Emojis befüllt, oder nach dem besten Reiseangebot gesucht. Realitätsflucht wird dem Land als typisch asiatisches Attributzugeschrieben – und ist dennoch einzigartig chinesisch.

Bargeldlose Gesellschaft und Sharing Economy

Chinas betreibt einen beispiellosen Kraftaufwand bei Innovation, die fast allesamt im Kontext mobiler Bezahlmethoden stehen: bargeldlose Transaktionen, den Umschwung zum Online Business und unmittelbares Ressourcen-Sharing. Die Menschen haben sich angewöhnt, überall mit dem Smartphone zu bezahlen – nachdem sie sich mit ihrer Kredit- oder EC-Karte bei einem der zwei größten mobilen Bezahllösungen (WeChat und Alipay) registriert haben.

Bargeld als Zahlungsmittel steht bei vielen Transaktionen gar nicht zur Verfügung: Die höchstwertige Bargeldnote ist der 100 Yen-Schein, mit dem man gerade einmal etwas Streetfood, nicht aber etwa einen Restaurantbesuch oder ein teures Paar Schuhe bezahlen kann. Kreditkarten sind erst seit 3 – 5 Jahren für die chinesische Allgemeinheit verfügbar. Mit anderen Worten: Die für größere Ausgaben notwendigen Mengen an Bargeld sind weder eine bequeme noch sichere Lösung. Rund 65% der chinesischen Smartphone-Besitzer nutzen Mobile Zahlungsmethoden. Während also Mobile Payment langsam zur Normalität wird, gewinnt auch der Sharing-Trend an Bedeutung:

China betreibt einen beispiellosen Kraftaufwand bei Innovationen im Kontext mobiler Bezahlmethoden.

Anders als im Westen pendelt der durchschnittliche chinesische Arbeitnehmer zwischen 1,5 und 3 Stunden täglich zur Arbeit. Überfüllte öffentliche Verkehrsmittel und volle Straßen sorgten für große Unzufriedenheit. So haben die Chinesen jüngst das Bike-Sharing für sich entdeckt. Dieser relativ junge Trend wird erst durch mobile Bezahlmethoden und QR-Codes möglich und komfortabel gemacht. Auch wenn die fast kostenlosen Leihfahrräder mittlerweile einen regelrechten Bike-Boom ausgelöst haben, scheint insbesondere die junge, aufstrebende und aufgeklärte Generation aus Autonomiestreben gleichermaßen wie aus Umweltgründen dieses Fortbewegungsmittel enorm zu schätzen. Und auf Unternehmerseite entdeckt man neues Gold: Wertvolle Kundendaten über Verhaltensmuster, Freizeitgestaltung und Konsum-Präferenzen.

Auf der Welle der Zukunft

Das Gesicht Chinas hat sich in den letzten 30 Jahren drastisch verändert. Der soziale und vor allem wirtschaftliche und digitale Fortschritt in dem Land übertrifft manche Vorstellungskraft. Daher ist es an der Zeit, den Blick nach Osten zu wenden. Während Chinas Zukunft in politischer wie wirtschaftlicher Hinsicht weiterhin polarisieren wird, ist es die Sehnsucht der chinesische Bevölkerung nach Fortschritt, Komfort und materiellem Erfolg selbst, die das Land weiterhin mit hohem Speed vorwärts treiben wird. Und die Chinesen scheinen diese Reise sichtlich zu genießen.
Was ist Ihre Meinung zu den spannenden, digitalen Entwicklungen in China? Mischen Sie sich gern in die Diskussionen mit ein und folgen uns auf Twitter, LinkedIn und Facebook.