Emojis: das Esperanto des 21. Jahrhunderts

Emojis: das Esperanto des 21. Jahrhunderts

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Ray Tomlinson sendete 1971 die erste E-Mail und gilt seitdem als deren Erfinder. Zu Beginn tat sich die E-Mail schwer und wurde als unnötige Spielerei angesehen. Ende der 1980er Jahre begann dann der Erfolgsweg der E-Mail — sie war eine der ersten Anwendungen, die die Möglichkeiten des Internets nutzten. Die Einführung von E-Mail wurde nicht gezielt geplant, sondern eroberte das Netzwerk durch das Benutzerverhalten. Die asynchrone, digitale Kommunikation trat ihren Siegeszug an und erhöhte gegenüber Brief, Telegramm und Fax die Kommunikationsgeschwindigkeit enorm. Im Jahr 2016 wurden in Deutschland rund 626 Milliarden E-Mails versendet.

Herausforderungen der digitalen Kommunikation

Trotz der offensichtlichen Vorteile stellt die Kommunikation via E-Mail, sozialen Netzwerken und Messagingapplikationen, die Menschheit vor eine enorme Herausforderung. Glaubt man Albert Mehrabian, dessen sogenannte 7–38–55-Regel besagt, dass die Elemente in der menschlichen Kommunikation zu 7% durch den sprachlichen Inhalt, zu 38% durch den stimmlichen Ausdruck (Tonalität) und zu 55% durch die Körpersprache bestimmt werden, wird klar, dass die Kommunikation, welche synchron und analog schon „fehleranfällig“ ist, in der digital-textlichen Kommunikation nur noch mit 7% (sprachlicher Inhalt) der dem Menschen zur Verfügung stehenden Verständigungsmöglichkeiten auskommen muss. Ein kleines Wunder, dass es trotz dieser Reduktion der Kommunikationsbreite zu einem Siegeszug der E-Mail gekommen ist.

Kommunikation muss in der digitalen Textform mit nur 7% der dem Menschen zur Verfügung stehenden Verständigungsmöglichkeiten auskommen.

Die Geburt des Emoticons

Die Problematik des, in der digitalen Kommunikation, fehlenden stimmlichen Ausdrucks und der Körpersprache wurde Scott E. Fahlman am 19. September 1982 bewusst. Nach einem ironischen Missverständnis und Witzen in einem Bulletin Board der Carnegie Mellon University schlug er vor, aus ASCII-Zeichen, das inzwischen weltberühmt gewordene Signet eines seitwärts nachgebildeten Lachens zu benutzen.
Seine Originalnachricht dazu lautete:
— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —
I propose that the following character sequence for joke markers:
:-)
Read it sideways. Actually, it is probably more economical to mark things that are NOT jokes, given current trends. For this, use:
:-(
— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

Somit gilt Scott E. Fahlman als der Erfinder des Emoticons, ein Portmanteauwort, gebildet aus Emotion und Icon. Verwendet werden Emoticons, um in der digital-textlichen Kommunikation Stimmungs- oder Gefühlszustände auszudrücken. Interessanterweise musste Scott in seiner E-Mail noch darauf hinweisen, dass die Zeichenfolge seitwärts gelesen werden muss, damit man verstand, was die Zeichen ausdrücken sollten. Heute baut das Gehirn das automatisch im Kopf um. Wir haben gelernt Emoticons zu „lesen“.
Mit Erfindung des Emoticons, dem Vorläufer der Emojis, eroberte Scott einen Teil der fehlenden nonverbalen Elemente nach Albert Mehrabian zurück. Mit Hilfe der Emoticons konnten Gefühle und Stimmungen in digital-textliche Kommunikation eingebaut werden. Emoticons verändern geschriebenen Kontext massiv und ein Teil der fehlenden 38% Tonalität kann durch sie zurückerobert werden.

Emojis erweitern den Kommunikationsraum

Die Erfindung der Emojis, als grafische Weiterentwicklung der Emoticons, wird Shigetaka Kurita zugeschrieben, der für DoCoMo (größter japanischer Telekommunikationskonzern) Ende der 90er Jahre am i-mode-Projekt mitgearbeitet hat. Ein Emoji (deutsch: Bildschriftzeichen) ist ein Ideogramm, das insbesondere in SMS und Chats längere Begriffe ersetzt. Heutzutage können Nutzer auf eine Auswahl von über 1.500 Emojis zurückgreifen, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass textlich-digitale Kommunikation gelingt.
Der Vorteil von Emojis ist, dass sie sprachunabhängig sind und somit international funktionieren. Ein Ansatz, der schon mit der Welthilfssprache Esperanto verfolgt wurde und sich leider bis heute mangels Akzeptanz nicht durchgesetzt hat. Dieses Schicksal wird die Emojis nicht ereilen, vielmehr haben sie sich durch das Benutzerverhalten bereits durchgesetzt.
Allerdings sei vom unbedachten Einsatz der Emojis gewarnt, denn auch, wenn diese sich als weltweite „Hilfssprache“ eignen, werden Emojis je nach Land und Kultur, ja, sogar je nach Betriebssystem (z.B. Apple iOS oder Google Android), anders gedeutet bzw. dargestellt. Dazu muss man wissen, dass Emojis nichts Anderes sind als Schriftsätze (wie z.B. die Times oder Verdana), die auf dem jeweiligen Smartphone oder Computer gerendert werden müssen. Jedes Betriebssystem hat seinen eigenen Emojizeichensatz und somit sehen Emojis über verschiedene Plattformen hinweg anders aus. Wenn ein Google Nexus Inhaber das „Grinning face with smiling eyes“ an einen Freund mit iPhone sendet, wird dieser durch den unterschiedlichen Schriftsatz ein anders aussehendes Emoji angezeigt bekommen:

Unterschiedliche Darstellungsweise von Emojis

Appearance of emojis differ greatly cross-platform.

Animojis: Bildsprache next level

Am 12.09.2017 stellte Apple sein neues iPhone X vor und an diesem Tag betraten die sogenannten Animojis die digitale Kommunikationsbühne. Ähnlich wie bei einer Videonachricht filmt die Frontkamera das Gesicht, überträgt die Bewegungen dann aber auf das ausgewählte Animoji. Für den Empfänger der Nachricht wirkt es dann so, als würde zum Beispiel ein Affengesicht mit ihm sprechen. Möglich macht es das neue TrueDepth-Kamerasystem. Was bedeutet das für die Chancen der digitalen Kommunikation? Ganz einfach: Es erweitert die kommunikativen Möglichkeiten um die Komponenten Tonalität (auditiv) und Körpersprache (kinästhetisch).
Wenn die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation sich weiter in einer so rasant-innovativen Geschwindigkeit entwickeln, wird sich die Hilfssprache Emojis als Esperanto des 21. Jahrhunderts etablieren.

Animojis erweitern die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation um die Komponenten Tonalität und Körpersprache.

Wenn man einmal nicht weiß, welche Bedeutung ein Emoji hat, kann man unter emojipedia.org die Bedeutung jedes Emojis nachschauen. In diesem Sinne: Willkommen in der Welt der digitalen Kommunikation.

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